„Wir entscheiden vieles intuitiv“

Die Fußball-WM 2026 verstärkt eine Entwicklung, die im Eventcatering längst spürbar ist. Faktoren wie schwankende Gästezahlen und steigende Kosten machen aus jeder Veranstaltung eine operative Rechenaufgabe. Doch es gibt Lösungen

Der Laden brummt. Wenn zu Events wie der Fußball-Weltmeisterschaft der Ball rollt, geht’s im Karlsruher „Vogelbräu“ seit mehr als 40 Jahren besonders hoch her, die Standorte in Durlach und Ettlingen profitieren ebenfalls. Auch in diesen Wochen kommen zu Inhaber Rudi Vogel wieder so einige Fans, die die Spiele gemeinsam erleben wollen. Wie groß der Andrang sein wird, weiß der Gastronom vorher allerdings nie so genau. „Wir entscheiden vieles situativ“, erklärt er.

Rudi Vogel, Inhaber Vogelbräu Karlsruhe, Ettlingen, Durlach

Damit sind Rudi Vogel und sein Team nicht alleine. Die WM 2026 bringt durch besondere Rahmenbedingungen einige Unwägbarkeiten in die Planung. Für Gastronomie und Eventcatering heißt das: Nicht jede Veranstaltung, die grundsätzlich möglich wäre, lässt sich auch verlässlich kalkulieren.


Viele Unsicherheitsfaktoren sind nicht erst mit der WM entstanden, darunter steigende Kosten, schwankende Gästezahlen und nicht zuletzt das Wetter. Gute Planung bleibt die Grundlage. Aber entscheidend ist zunehmend die Flexibilität der Verantwortlichen. Sie beginnt bei anpassbaren Konzepten und reicht bis zum Catering-Equipment.

Fußballturniere – nicht immer eine sichere Kalkulationsgrundlage

Dass ein großes Fußballturnier nicht automatisch für volle Kassen sorgt, zeigte bereits die Heim-EM 2024. Laut einer DEHOGA-Umfrage berichteten nur rund 8 Prozent der teilnehmenden Betriebe von positiven Impulsen durch das Turnier. Gleichzeitig fielen die Rückmeldungen je nach Standort und Konzept sehr unterschiedlich aus: Kneipen, Bars und Biergärten etwa meldeten deutlich häufiger positive Effekte.

Sebastian Holy, Betriebsleiter und Küchendirektor von WildparkTaste – Made by Traube Tonbach, dem Caterer des Karlsruher SC im BBBank Wildpark

Für die WM 2026 kommen erschwerende Rahmenbedingungen hinzu: Ein im Vergleich zu früheren Turnieren besonders hoher Anteil an Partien fallen in die deutsche Nacht. „Der entscheidende Punkt sind die Uhrzeiten“, bestätigt Sebastian Holy, Betriebsleiter und Küchendirektor von „WildparkTaste – Made by Traube Tonbach“, dem Caterer des Karlsruher SC im BBBank Wildpark. Die Fußball-WM, eigentlich eine Steilvorlage für die Gastronomie, spielt in seinem Betrieb kaum eine Rolle. „Was bei lauem Sommerwetter tagsüber oder am frühen Abend gut funktionieren würde, findet teilweise erst spätabends oder mitten in der Nacht statt. Das verändert die Kalkulation erheblich.“


Für viele seiner Kolleginnen und Kollegen aus der Gastronomie schlügen auch Aspekte wie das Wetter negativ zubuche, das einem jedes Spiel, das im Außenbereich gezeigt wird, verhageln kann. Kosten für wetterfeste Set-ups ebenso wie für Technik, zusätzliches Personal oder Lizenzen kämen hinzu. „Deshalb“, so Sebastian Holy, „fragen sich viele sehr nüchtern: Warum soll ich um 22 Uhr noch Fernseher aufbauen, wenn ich vielleicht nur bis 23 Uhr ausschenken darf?“

Public Viewing ist eine lokale Abwägungssache

Die Bundesregierung hatte zwar mit Sonderregeln den Weg für fröhliche Fußballnächte im Freien geebnet, doch die Entscheidung fiel lokal. Städte und Gemeinden mussten jeweils abwägen, wie sich das öffentliche Interesse an den Spielen mit der Nachtruhe vereinbaren lässt. Für das „Vogelbräu“ in Ettlingen war zum Beispiel schnell klar, dass bei Spielen ab 23 Uhr bis eine halbe Stunde nach Spielende draußen gefeiert werden darf. Die Stadt Karlsruhe ließ sich mit einer endgültigen Rückmeldung bis kurz vor dem ersten Deutschland-Spiel Zeit.


Rudi Vogel nimmt all die bisher genannten Unsicherheiten mit badischer Gelassenheit. Für viele Gastronomen, Veranstalter und Caterer entsteht daraus aber ein Kalkulationsproblem: Einerseits kann ein attraktives Spiel zusätzlichen Umsatz bringen. Andererseits hängen Aufwand, Genehmigungen, Gästeaufkommen und Wirtschaftlichkeit stark vom konkreten Standort, der Uhrzeit und dem Format ab. Diese Unsicherheit trifft auf Betriebe, deren wirtschaftliche Spielräume ohnehin enger geworden sind.

Wenn Sicherheitspuffer zu teuer werden

In einer DEHOGA-Umfrage zum Jahresstart 2026 nannten rund drei Viertel der befragten Betriebe Personalkosten als stärksten Belastungsfaktor. Jeweils knapp zwei Drittel verwiesen auf Kosten für Lebensmittel und Getränke sowie auf Energiekosten.


Gleichzeitig meldete der DEHOGA für das erste Quartal 2026 im Gastgewerbe real 5,1 Prozent weniger Umsatz als im Vorjahreszeitraum, bei nominal 2,1 Prozent mehr Umsatz. Für das Eventcatering heißt das oft: Mehr Ware, mehr Personal oder zusätzliche Ausgabepunkte lassen sich nicht einfach als Sicherheitspuffer einplanen.

Schwankende Nachfrage und fehlende Verbindlichkeit

Zur branchenweiten Konsumzurückhaltung kommen No-Shows und kurzfristige Absagen hinzu. Sebastian Holy stellt dazu fest: „Wenn bei einer Veranstaltung 150 Personen angemeldet sind, fehlen am Veranstaltungstag in der Regel rund zehn Prozent.“ Für Caterer kann das unmittelbar relevant sein: Ware ist eingekauft, Personal geplant, Abläufe sind vorbereitet.


Auch Branchendaten zeigen, wie stark fehlende Verbindlichkeit Betriebe belastet. Eine DEHOGA-NRW-Umfrage unter 250 Gastronomen, Caterern und Hoteliers aus Dezember 2025 ergab: Rund 87 Prozent der Befragten kennen No-Shows aus eigener Erfahrung. Rund 60 Prozent der betroffenen Unternehmen meldeten Umsatzausfälle von bis zu fünf Prozent, weitere Betriebe noch höhere Schäden. Fast zwei Drittel berichteten, dass sich das Problem in den vergangenen Jahren spürbar verschärft habe.

Bei Bedarf wird nachgesteuert

Wie lässt sich unter solchen Bedingungen überhaupt noch agieren? Für viele ist eine Mischung aus Erfahrung, guter Planung und Flexibilität die Lösung.

Martin Vonhof, Vertriebsleiter Handel/Prokurist bei Lacher Großküchen GmbH

Martin Vonhof, Vertriebsleiter Handel und Prokurist bei Lacher Großküchen GmbH, bestätigt dies. Bis kurz vor WM-Start konnte er noch keine außergewöhnlich hohe Nachfrage nach Gastronomiebedarf, Mobiliar, Catering-Equipment & Co. verzeichnen. „Stattdessen setzen unsere Kunden eher auf vorhandene Konzepte und reagieren situativ“, stellt er fest. „Kurzfristige Entscheidungen nehmen bei solchen Events grundsätzlich zu. Gerade bei unsicheren Rahmenbedingungen wird vieles erst sehr spät fixiert oder angepasst.“


Eine Strategie, nach der auch Rudi Vogel agiert. Sein Vogelbräu in Karlsruhe hat innen rund 150 Plätze, im Biergarten bei Vollbesetzung etwa 200. Bis zur theoretischen Höchstmenge kalkuliert er nie. „Man darf auch nicht päpstlicher sein als der Papst“, findet er. Wenn einmal etwas ausgehe, „dann ist das eben so. Getränke sind kein großes Thema, weil wir als Brauerei entsprechend bevorratet sind.“ Beim Essen sei mehr Augenmaß gefragt, vor allem, was den Turnierverlauf betrifft. „Wenn Deutschland zum Beispiel im Halbfinale steht, decken wir uns entsprechend stärker ein.“


Entscheidend ist eben weniger der eine perfekte Plan, sondern die Fähigkeit, bei Bedarf schnell nachzusteuern – auch beim Dauerbrenner-Thema Wetter, das die Umsätze der Außengastronomie in der warmen Jahreszeit so stark beeinflusst. Rudi Vogel profitiert heute von Entscheidungen, die ursprünglich aus der Corona-Zeit stammen. Große Teile seines Biergartens sind mit Markisen ausgestattet, auch die Fernseher sind geschützt. „Dadurch können wir bei wechselhaftem Wetter deutlich flexibler reagieren und müssen nicht jedes Spiel sofort nach innen verlegen.“

Hotel-Sportsbar mit überschaubarem Format

Jens Block, Direktor des Ibis Styles in Tübingen

Jens Block, Direktor im Ibis Styles Tübingen, sieht darin allerdings kein größeres Problem. Sein Hotel hat eine Sportsbar mit rund 50 Außen- und 120 Innenplätzen. Regnet es, werden die Spiele innen weitergeschaut – bei Pulled-Beef-Burgern, Spare Ribs oder Loaded Nachos. Davon wird zur WM stets ausreichend vorhanden sein, ist er überzeugt. „Wir haben grundsätzlich genug Ware im Haus.“ Auch hier wird also nicht für jedes denkbare Szenario zusätzlich Ware gebunden – und das, obwohl die Bar zu 80 Prozent externe Gäste begrüßt. Das Format ist zudem bewusst überschaubar: Die Sportsbar öffnet ab 15 Uhr, Spiele um 22 Uhr werden noch gezeigt, Partien um drei oder vier Uhr morgens dagegen nicht.

Spielraum für Caterer und Kunde

Sebastian Holy von „WildparkTaste“ setzt auf kulinarische Konzepte, die Spielraum lassen. Ein wichtiger Baustein ist das „Menü laut Küchenchef“. Dabei wird das Menü nicht Wochen im Voraus endgültig festgelegt, sondern nach Tageseinkauf, Saison und aktuellen Warenpreisen zusammengestellt. Der konkrete Vorschlag geht ein bis zwei Tage vor der Veranstaltung an den Kunden.


Für Veranstalter ist das oft ebenfalls eine Entlastung. Sie müssen sich nicht frühzeitig auf ein starres Menü festlegen und können trotzdem unterschiedliche Bedürfnisse abbilden. Gerichte wie Poulardenbrust oder Roastbeef passten zu vielen Anlässen, vegetarische und vegane Alternativen ließen sich ergänzen. Gerade bei Veranstaltungen mit Absagen oder No-Shows hilft das Modell, Einkauf und Produktion besser zu steuern. Je flexibler das Menü und je besser parallellaufende Veranstaltungen abgestimmt werden können, desto geringer wird das Risiko unnötiger Überproduktion.

Equipment als zentraler Faktor fürs Eventcatering

Wenn Eventcatering schwerer planbar wird, rückt auch das Catering-Equipment stärker in den Fokus. Gefragt sind modulare Set-ups, die sich schnell an unterschiedliche Situationen anpassen lassen. Damit rücken mehrere Kriterien in den Vordergrund: Equipment sollte mobil sein, unterschiedliche Ausgabeformen ermöglichen, Speisen sicher transportieren und bei Bedarf eine späte Fertigstellung erlauben. Denn je später Gerichte finalisiert werden können, desto besser lässt sich auf die tatsächliche Nachfrage reagieren.

Sebastian Holy sieht das in der Praxis ähnlich. Für ihn sind die B.PRO COOK Kochstationen besonders wichtig, weil sich damit Gerichte „innerhalb weniger Minuten finishen und ausgeben“ lassen. Gleichzeitig entstehe ein Frontcooking-Erlebnis für die Gäste. Auch austauschbare Kochaufsätze helfen, in kurzer Zeit unterschiedliche Gerichte anzubieten.


Ein weiterer Punkt ist der Transport. Speisen sollen nicht nur warm oder gekühlt von A nach B, sondern auch in der gewünschten Qualität ankommen. Holy verweist hier auf die B.PROTHERM E: Gerade im Fleischbereich bleibe die gewünschte Garstufe über zwei bis drei Stunden stabil. Anschließend könnten die Speisen auf der mobilen Grillplatte kurz gefinisht werden.


Bei „WildparkTaste“ werden zudem die Bankett-Speisentransportwagen intensiv genutzt. Holy erinnert sich an ein Fußballevent im vergangenen Sommer, bei dem auch der Deutsche Fußball-Bund vor Ort war. Im Nachgang seien die Wagen ausdrücklich gelobt worden, weil die Speisen damit hygienisch und zugleich optisch ansprechend durch die Hospitality-Bereiche transportiert wurden. „Das wurde sogar mit Handy-Fotos dokumentiert“, sagt Holy.

Fazit

Am Ende geht es im Eventcatering künftig mehr denn je um die Fähigkeit, unter unsicheren Bedingungen handlungsfähig zu bleiben. Wer Nachfrage realistisch einschätzt, Puffer bewusst plant, Menüs nicht zu früh festlegt, Flächen wetterrobust nutzt und Equipment flexibel einsetzt, kann schneller reagieren, wenn Gästezahlen, Wetter oder Veranstaltungsverlauf anders ausfallen als erwartet.


Im Eventcatering ist es dabei nicht viel anders als auf dem Platz: Entscheidend ist nicht nur der Plan vor dem Anpfiff, sondern die Fähigkeit, während des Spiels richtig zu reagieren.

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